FÖRMIG-KÖLN

Koordinierte Alphabetisierung (KOALA)

Am Beispiel der Grundschule GGS Schulstraße in Köln Höhenberg

Von Pia Lummerich

Die Gemeinschaftsgrundschule Schulstraße in Köln Höhenberg befindet sich in einem so genannten sozialen Brennpunkt. Ein Großteil der Kinder stammt aus Migrantenfamilien mit türkischer Herkunft.

Vor diesem Hintergrund hat sich die Grundschule Schulstraße im Jahre 2004 dem Projekt KOALA angeschlossen. Im Rahmen der koordinierten Alphabetisierung arbeiten die Kolleginnen der Schuleingangsklassen mit einer türkischsprachigen Kollegin zusammen. Diese Zusammenarbeit umfasst die gemeinsame Unterrichtsvorbereitung und das Aufeinanderabstimmen der Unterrichtsinhalte mit dem muttersprachlichen Unterricht insbesondere in den Fächern Deutsch und Sachunterricht. Die Kolleginnen arbeiten nach dem Prinzip Lesen durch Schreiben und verwenden Anlauttabellen in deutscher bzw. türkischer Sprache. Soweit möglich werden die Laute in beiden Sprachen parallel, d.h. im Deutschunterricht wie auch im muttersprachlichen Unterricht, vertieft behandelt.

In den Klassenzimmern liegen den Kindern Orientierungshilfen (beschriftete Alltagsgegenstände/ gekennzeichnetes Mobiliar) sowie zahlreiche Unterrichtsmaterialien in beiden Sprachen vor.

Im Unterricht werden die Kinder zum Teil in Doppelbesetzung, also von der türkischen sowie von der deutschen Kollegin, gemeinsam unterrichtet. Dabei kommt es insbesondere darauf an, wichtiges, themenbezogenes Vokabular zweisprachig zu festigen und Hilfestellungen zu bieten, wenn die Kinder das Unterrichtsgeschehen auf Deutsch nicht mitverfolgen können.

Die Klassen werden jahrgangsübergreifend in den Stufen 1/2 sowie 3/4 unterrichtet.

August 2006

Melek, 7 Jahre alt, besucht seit einem Jahr eine solche jahrgangsübergreifend unterrichtete KOALA-Klasse mit insgesamt 23 Kindern aus 5 verschiedenen Ländern. Es handelt sich um 12 türkische, 7 deutsche und 2 persische Kinder sowie ein italienisches und ein chinesisches Kind.

Melek ist in Deutschland aufgewachsen. In ihrer Familie wird jedoch überwiegend Türkisch gesprochen, sodass Meleks deutscher Wortschatz deutlich begrenzt ist.

Der Unterricht beginnt für Melek mit einer Begrüßung auf Deutsch und Türkisch. Im Anschluss daran, folgt ein Guten-Morgen-Lied, das in allen Sprachen, welche die Kinder der Klasse sprechen, gesungen wird.

Zurzeit freut sich Melek ganz besonders auf die KOALA-Stunden, da sie von der Geschichte des kleinen blauen Quadrates fasziniert ist.

Das kleine Quadrat ist unglücklich, weil es seine Form langweilig findet. Es träumt davon, sich in interessante Gegenstände zu verwandeln und erlebt im Traum ein spannendes Abenteuer mit einer Hexe und einem Zauberer.

Die Geschichte des kleinen, blauen Quadrates wird den Kindern in kurzen Abschnitten über mehrere Tage hinweg vorgelesen. Die Kinder sind daran gewöhnt, zunächst der deutschen Lehrerin zuzuhören und im Anschluss daran, die Geschichte noch einmal auf Türkisch vorgelesen zu bekommen. Dabei zeigen sich alle Kinder in der Regel gleichermaßen interessiert. Den türkischen Kindern ist oft anzumerken, dass sie den genauen Inhalt der Geschichte erst in der türkischen Sprache erfassen können. Die anderen Kinder hingegen haben mittlerweile eine große Freude daran entwickelt, Mimik, Gestik und Sprache der türkischen Lehrerin soweit zu verfolgen, dass sie herausfinden können, welche Textpassage die Lehrerin gerade übersetzt. Häufig hört man ein Kind fröhlich rufen: "Das habe ich gerade verstanden! Ich weiß, was sie auf Türkisch vorgelesen hat!"

Nach dem Vorlesen folgt die Arbeitsphase. Die Lehrerinnen klären mit den Kindern kurz die Schlüsselwörter der Geschichte auf Deutsch und Türkisch und halten diese als Hilfestellung schriftlich in beiden Sprachen an der Tafel fest. Häufig beteiligen sich hier auch die restlichen Kinder, wie Meleks Tischpartner Marco aus Italien. Vergnügt erklärt er, wie die Wörter in seiner Muttersprache heißen. Er übernimmt spontan die Lehrerrolle und leitet die Klasse dazu an, ihm auf Italienisch nachzusprechen. Den Kindern bereitet dies offensichtlich großen Spaß und es dauert einen Moment, bis die letzten italienischen Wörter verstummt sind.

Nachdem alle wichtigen Begriffe und Arbeitsschritte geklärt wurden, sucht Melek ihren Platz auf und faltet aus buntem Bastelpapier die Verwandlungen des kleinen Quadrates nach. Die neu entstandenen Figuren klebt sie eifrig in ihr Geschichtenheft ein und beginnt dann, zur Geschichte zu schreiben und zu malen. Melek ist besonders stolz darauf, ihre kurzen Texte zunächst auf Deutsch und im Anschluss daran auch auf Türkisch zu verfassen. Häufig stellt sie einzelne, für sie bedeutsame Wörter in beiden Sprachen einander gegenüber, sodass sich im Laufe der Zeit ein kleines deutsch-türkisches Wörterbuch passend zur Geschichte entwickelt.

Zum Abschluss der Arbeitsphase treffen sich die Kinder mit ihren Geschichtenbüchern im Sitzkreis und präsentieren sich gegenseitig ihre Ergebnisse. Beim Vorlesen ihrer Texte beschränken sich fast alle auf die Passagen, die sie auf Deutsch verfasst haben. Als Melek aber von einer Mitschülerin gefragt wird: "Was hast du denn da noch geschrieben?", merkt man ihr den Stolz an, und sie erklärt ausführlich, dass sie einige, ausgewählte Wörter sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch geschrieben hat.

Nachdem Melek ihre Ergebnisse vorgestellt hat, darf sie ein anderes Kind auswählen, das seine heutige Arbeit präsentiert. Melek entscheidet sich für einen deutschen Jungen. Er liest vor: "Di Hexe findet einen pelerin" (1).

Einige Kinder schmunzeln und es entsteht leichte Unruhe. Melek lächelt und fragt: "Weißt du, dass du türkisch geschrieben hast?" Und der Junge antwortet ihr: "Ja, ich weiß, und ich finde das Wort schön!"

1.) auf Deutsch: Umhang

Ansprechpartnerin für den FÖRMIG-Standort Köln:

Monika Lüth
Tel.: 0221-6650751
eMail: monika.lueth@stadt-koeln.de

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Monika Lüth, Koordinatorin für Köln