FÖRMIG-Standort Remscheid
Für FÖRMIG im Bergischen Land (Remscheid, Solingen, Wuppertal) ist Karla Scharfenberg als Koordinatorin zuständig.

Kontakt:
Karla Scharfenberg, RAA Wuppertal
Telefon: 0202 - 563-4668
karla.scharfenberg@wuppertal.de

An allen drei Standorten steht der Übergang von der Kindertagesstätte in die Grundschule im Fokus der Sprachförderung.

Im Bergischen Land wurden 9 Basiseinheiten für die FÖRMIG-Umsetzung gebildet. Davon sind 6 Schulen und 3 Tageseinrichtungen für Kinder federführende Institutionen. Die Basiseinheiten sind hinsichtlich Fördergruppe, Förderschwerpunkt, Methoden, Maßnahmen und kooperierenden Partnern sehr unterschiedlich.In einigen Basiseinheiten finden regelmäßige Treffen an der Schnittstelle statt, in anderen ist diese Zusammenarbeit erst im Aufbau. Positive Rückmeldungen gab es zu den Materialien zur "Frühkindlichen Sprachförderung" des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg, mit denen jede Institution versorgt wurde und teilweise intensiv gearbeitet wird. Fortbildungen zu den Themen  "Förderziele und Sprachförderung unter Berücksichtigung der Materialien zur frühkindlichen Sprachförderung" und "Prinzipien der DaZ- Förderung" wurden  angeboten.

FÖRMIG-Standort Remscheid
Folgende federführende Institutionen sind in Remscheid am FÖRMIG-Projekt beteiligt:
GS Honsberg
GS Daniel- Schürmann-Weg
Kita Otto-Pfeiffer-Haus
Kita Kremenholl

Praxisbericht aus der Basiseinheit Honsberg in Remscheid

Um die Finanzierung eines Mütterkurses zu beantragen, schrieb eine am FörMig- Projekt beteiligte Lehrerin diesen Brief, der einen guten Einblick in die Situation der Basiseinheit gibt. Die am FörMig- Projekt beteiligte Grundschule Honsberg liegt in einem sozialen Brennpunkt mit sehr hohem ausländischen Anteil. Zur Zeit wird die Schule von ca. 65 % türkischen Schülern und Schülerinnen besucht.

Die Mütter der Kinder haben zu einem großen Teil eine 0-5-jährige Grundschulzeit in der Türkei hinter sich, sind also (fast) Analphabeten bzw. dem bildungsfernen Elternhaus zuzuordnen. Nach der Heirat, in der Regel mit 16- 18 Jahren, kamen sie nach Deutschland ohne Sprachkenntnisse in ein türkisches Ghetto, in dem ihr Tagesablauf aus Hausarbeit und Teekränzchen besteht. Die Kinder werden zumeist nebenbei groß gezogen, dabei bildet sich eine Facette zwischen dem verwöhnten Märchenprinzen und dem Quasi-Straßenkind. Probleme treten bei der Erziehung oft erst bei Schuleintritt auf, da das "in den Tag Leben" und der (deutsche) Schulalltag nicht immer zu vereinbaren sind. So kommen viele Kinder unpünktlich oder unausgeschlafen in die Schule, Hausaufgaben werden wegen Stadtbummel oder Teekränzchen nicht angefertigt, Unterrichtsmaterialien sind oft unvollständig, um nur einige Probleme zu nennen. Den wenigen gebildeten Müttern fehlt es an einem reflektierenden Austausch über Erziehung. Aufgrund der zunehmenden Ghettobildung in dem Schulbezirk, den immer weniger werdenden deutschsprachigen Vorbildern und den daraus resultierenden Schullaufbahnen wurde in der Schule vor fünf Jahren mit einem Mütterkurs für türkische Mütter, deren Kind das erste Schuljahr besucht, begonnen. Ziel ist es dabei eine Zusammenarbeit mit den Müttern, die die Hauptverantwortlichen für die Erziehung und damit für die schulische Bildung der Kinder sind, und der Schule zu erreichen. In diesem Mütterkurs arbeiten eine Lehrerin der Schule und eine Honorarkraft, finanziert durch das Bundesministerium für Integration, zusammen.

Das Konzept dieses Mütterkurses sieht es vor, dass die Mütter

  • die Schwellenangst gegenüber der Schule verlieren, - mit ihren Kindern über Schule ins Gespräch kommen,
  • die Lerninhalte der nächsten Schulwoche kennenlernen, um bei den Hausaufgaben unterstützen zu können,
  • über Erziehung und deren Probleme nachdenken,
  • Erziehungsfragen stellen, diskutieren und beginnen, ihr eigenes Verhalten zu  reflektieren,
  • Ziele der schulischen Bildung in Deutschland (z.B. Selbständigkeit) kennenlernen.

Die Aufgaben der Lehrerin bestehen darin:

  • als Ansprechpartnerin für die Frauen jederzeit zur Verfügung zu stehen,
  • Lerninhalte mit den Klassenlehrern abzusprechen, den Müttern zu vermitteln und auf mögliche Schwierigkeiten hinzuweisen,
  • Koordinierung zwischen Honorarkraft, Mütterkurs und Schule,
  • Informationsschreiben vorzubereiten und zu verteilen.

Die Aufgaben der Honorarkraft bestehen darin:

  • als Ansprechpartnerin für die Frauen da zu sein,
  • Koordinierung zwischen Referenten, Mütterkurs und Lehrerin,
  • Organisation von außerschulischen Terminen (Stadtbücherei, pro familia, Sportverein, Kirche, Gericht)
  • Vorbereitung von Gesprächsanstößen zu Erziehungsthemen,
  • Motivation der Frauen regelmäßig an dem Kurs teilzunehmen, d.h. in der Regel hinterhertelefonieren,
  • Ausleihe von deutsch-türkischen Büchern,
  • Ansprechperson bei innerfamiliären Problemen und damit verbundener Beratung für den Besuch von Hilfsorganisationen, z.B. pro familia.

In den ersten 3 Jahren war die Honorarkraft eine türkische Lehramtsstudentin. Problematisch war in dieser Zeit, dass nach den ersten Veranstaltungen nur noch ein Kern von 4-7 Frauen verblieb, die auch unregelmäßig erschienen. Aus Examensgründen beendete die Honorarkraft ihre Arbeit. Vor 1 ˝ Jahren übernahm eine türkische Mutter die Tätigkeit als Honorarkraft. Sie hat nach ihrem Schulabschluss geheiratet und nun 3 Kinder im Alter von 13, 10 und 8 Jahren an anderen Schulen und begann vor 2 Jahren eine Ausbildung, die einmal in der Woche einen Schulbesuch erfordert. Ihre Lebenssituation kommt der der Frauen sehr nahe, und hat eine realistische Vorbildfunktion für diese.

Nicht nur die offene, freundliche, aber auch verbindliche, Art und ihr überdurchschnittliches Engagement, sondern auch die gemeinsame, insbesondere nicht akademische Ebene ließen die Teilnahme an dem Mütterkurs stark in die Höhe gehen. Im letzten Jahr nahmen bis zum Ende des ersten Schuljahres immer 10 - 15 Frauen an dem Kurs teil, die bei Abwesenheit  persönlich angesprochen und zur Teilnahme ermahnt wurden.
Aufgrund der entstandenen Gemeinschaft, des geweckten Interesses und der Öffnung der Mütter für schulische Belange wird nun auf Wunsch der Frauen ein weiterführender Mütterkurs in der Schule angeboten, in dem vornehmlich Erziehungsfragen besprochen werden. So werden die Mütter z. B. angeleitet einen Wochenplan zu erziehungsrelevanten Schwerpunkten auszufüllen und im Anschluss über ihre Erfahrungen zu diskutieren, außerdem werden  Referenten zu Themen, wie gesunde Ernährung, Mediennutzung, Lesen, bilinguale Erziehung, das deutsche Schulsystem eingeladen und Besuche von außerschulischen Lernorten durchgeführt. 
Dies führte zu einer veränderten Situation an der Schule, da nun endlich viele türkische Mütter zum täglichen Bild gehören. Die Schule ist ein zentraler Treffpunkt für die Frauen geworden, zu dem auch die Männer genügend Vertrauen aufgebaut haben und ihre Frauen bedenkenlos schicken.

Auf Initiative der Frauen und durch die Organisation insbesondere von der Honorarkraft werden jetzt an der Schule folgende Kurse neben den beiden Mütterkursen durchgeführt:

  1. Sportkurs für Frauen in der Turnhalle einmal pro Woche
  2. Computereinführungskurs einmal pro Woche
  3. Zwei Deutschkurse mit 500-600 Stunden 3 mal pro Woche

Außerdem haben sich nun sehr viele Mütter getraut, den Weg in das Schulgebäude zu gehen und arbeiten mittlerweile aktiv in der Schule mit, da die türkische Honorarkraft und die Lehrerin als Ansprechpersonen und Organisatoren für sie da sind. So führen die Mütter bei Schulfesten eigenverantwortlich eine Pizzabäckerei, einmal monatlich ein gesundes Frühstück für die gesamte Schule durch, arbeiten als Lesemütter mit und erscheinen wöchentlich zu den Treffen. Der zweite Mütterkurs wurde bisher vom Schulverein finanziert, was aber nun  aus Geldmangel nicht mehr möglich ist. Eine Finanzierung durch die Mütter ist aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit und den zu bezahlenden Deutschkursen kaum realisierbar.

Die Arbeit mit den Müttern belebt nicht nur den Schulalltag, sondern wirkt sich auch auf  deren Einstellungen zur Schule und somit auf das Lernverhalten der Kinder aus. So ist es in vielen Familien zur Normalität geworden, dass die Kinder nach ihrem Schulvormittag gefragt werden, der Fernsehkonsum reduziert wird oder täglich eine Vorlesezeit eingeplant ist. Ziel dieser Kurse kann nur eine langfristig angelegte Verhaltensänderung der Mütter sein, damit sich die schulischen Erfolge der Kinder verbessern können. Dazu ist es unabdingbar, dass die Kurse als dauerhafte Einrichtung an unserer Schule erhalten bleiben. Bis zu den Osterferien konnte der Mütterkurs durch das FörMig-Projekt (12 Termine) finanziert werden. Eine weitere Finanzierung kann jedoch durch FörMig nicht geleistet werden, da die Mittel für Honorarkosten leider nicht ausreichen.

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Koordinatorin:
Karla Scharfenberg